We are all mad here

1. Akt

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie kommen nach Hause, kochen sich eine Tasse Kaffee und setzen sich an einen Tisch. Ihre Frau setzt sich zu Ihnen, genauso wie Ihre Kinder. Keiner von Ihnen möchte dort sitzen. Dennoch bleibt jeder von Ihnen da, und zwar für geschlagene 3 Stunden. Sie unterhalten sich im höflichsten Ton, der Ihnen allen möglich ist, über äußerst wichtige Dinge. Niemand weiß, warum diese Dinge wichtig sind und wer sie dazu gemacht hat. Eines Ihrer Kinder hat noch nicht einmal eine Ahnung, worum es grundsätzlich bei diesen Dingen geht. Es wurde von seinen Geschwistern durch Androhung familiärer Zwangsmaßnahmen zur Teilnahme an dieser Besprechung genötigt. Die Stimmung ist geprägt von resignativer Gleichgültigkeit und schlecht gezügeltem Unmut. Die eine Hälfte der Familie nimmt gerade einmal noch physisch teil – geistig ist sie längst völlig abgedriftet. Die andere Hälfte versucht durch durchaus heftige Diskussionen, die Wichtigkeit der Dinge für sich zu unterstreichen. Jeder von Ihnen weiß, dass das, was Sie gerade tun, völlig ergebnislos zu Ende gehen wird. Aber gerade dieser Umstand wird in sehr naher Zukunft der Grund dafür sein, eine weitere dieser Familienzusammenkünfte einzuberufen. Dieser Kreislauf wird niemals zu Ende gehen. Sie und alle Ihre Familienmitglieder sind für immer verloren in einem Rad voller Ödnis und Pflichtbewusstsein. Es gibt keinen Ausweg, außer eine unverhoffte Gasexplosion.

2. Akt

Dieser Zustand wird im Laufe der Zeit immer unerträglicher. Außerdem zeigen sich schwerwiegende Konsequenzen innerhalb der Familie. Ihr Sohn hat beschlossen, an diesen seltsamen Familienritualen nicht mehr teilzunehmen und auszuziehen, um sein Glück in der weiten Welt zu suchen. Dass er erst acht Jahre alt ist, unterstreicht die Dramatik der Situation zusätzlich.

Auch an anderen Ecken ihres Familienlebens werden bedenkliche Symptome der Sackgasse, in der Sie sich befinden, sichtbar. Weil Ihre familiären Besprechungen so viel Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und die Stimmung immer getrübter wird, bleibt der Haushalt unerledigt. Ihre Freizeitaktivitäten bestehen im Wesentlichen daraus, sich möglichst höflich aus dem Wege zu gehen. Schweigen und das Reden um den heißen Brei prägen die Konversation am Esstisch. Weil niemand Zeit und Lust hat zu kochen, gibt es tatsächlich meistens nur heißen Brei. Manchmal ist er auch kalt.

Sie beginnen Ihre Frau des Ehebruchs zu verdächtigen, weil sie sich häufig sehr abweisend verhält. Ihre Versuche, ihr Herz bei den laufenden Meetings mit besonders aufwändigen PowerPoint – Präsentationen zurückzugewinnen, scheitern. Ihr Sohn schreibt Postkarten, in denen er das wundervolle Leben voller Glück und Leichtigkeit mit seiner neuen Familie beschreibt. Ihre Tochter schreibt ihm auffällig oft zurück.

3. Akt

Um das Ruder herumzureißen engagieren Sie einen fachkundigen Berater, der Ihnen dabei behilflich sein soll, Ihre Meetings besser zu gestalten. Nach einigen sündteuren Beratungsgesprächen voller Verständnis und ehrlichem Interesse und einem noch teureren Training, das Ihre gesamte Familie besucht, halten Sie Ihre Familientreffen nun im Sitzkreis ab. Hie und da kleben Sie außerdem Postits an die Wand. Alle 2 Wochen besprechen Sie in einem zusätzlichen Meeting die Meetings der vergangenen Wochen. In diesem zusätzlichen Meeting sitzen alle im Kreis und kleben hie und da Postits an die Wand. Es geht bergauf. Das Leben ist schön.

4. Akt

Der gewünschte Erfolg lässt auf sich warten. Der Enthusiasmus, mit dem sich zunächst noch alle dem Kleben von Postits und dem Sitzen im Sitzkreis gewidmet haben, ermattet. Die alte Routine kehrt zurück und die Meetings sind nicht erfolgreicher geworden. Im Meeting, in dem die anderen Meetings besprochen werden – man nennt es der Einfachheit halber das „Meetings - Meeting“ – bespricht man die Sinnlosigkeit aller Meetings und klebt dazu ein Postit an die Wand. Auch diese Maßnahme zeigt keine Wirkung.

Ihnen wird klar: Offensichtlich war der Berater, an den Sie sich gewendet haben, ein Hochstapler und Betrüger, der Ihnen nur das Geld aus der Tasche gezogen hat. Bei einer Internetrecherche entdecken Sie, dass er erstens seine Arbeit mit Ihrer Familie als Erfolgsgeschichte anpreist, und es zweitens eine ganze Community von Beratern gibt, die sich gegenseitig Erfolgsgeschichten präsentieren. Nachdem Ihre Geschichte keine Erfolgsgeschichte ist, aber als solche verkauft wird, kommen Ihnen bei der Fülle aller anderen Erfolgsgeschichten im Internet leise Zweifel.

Zu Ihrem Glück stoßen Sie recht bald auf einen Berater, der im Brustton der Überzeugung die Arbeit der anderen Berater verdammt und verteufelt. Das Kleben von Postits und das Sitzen im Sitzkreis sind seiner Meinung nach keine adäquaten Mittel, um Ihrer Probleme Herr zu werden. Wer anderes behauptet, ist im besten Fall ein Stümper, im schlechtesten ein Betrüger. Vertrauensvoll wenden Sie sich an diesen Mann. Er weiß ganz offensichtlich, wovon er spricht.

5. Akt

Der neue Berater hat in Ihrer Familie hart durchgegriffen und alles umorganisiert. Ihre Frau und Sie sind nun als Community of Practice neu aufgestellt. Ihre Tochter ist ein crossfunktionales Team. Ihr ausgewanderter Sohn wurde als externer Consultant eingeladen. Zusammen sind Sie ab sofort ein tribal squad, der in konzentrischen Kreisen nach Konsent entscheidet. Alles, was in Ihrem Familienalltag erledigt werden muss, befindet sich nun an mehreren Boards, die in Ihrem Haus strategisch verteilt wurden. Um eine organische Weiterentwicklung Ihres komplexen Systems „Familie“ zu gewährleisten, leben Sie nun in einem sicheren Framework, das Ihnen die dafür notwendigen Freiräume zur Verfügung stellt und Ihr Leben fast gar nicht einengt. Ein isländischer Gummistiefelhersteller hat dieses erfunden und für sich erfolgreich eingesetzt. Die dafür fälligen Lizenzgebühren stottern Sie in Raten ab. Um die notwendige psychologische Sicherheit für ein angstfreies Miteinander herzustellen, hat Ihre Familie nun einen Mitarbeiter, der sich darum kümmert und bei Gelegenheit Ihre Boards abstaubt. Die meiste Zeit verbringt er allerdings damit, in einer Ecke zu sitzen und verständnisvoll zu nicken. Allfällige Streits um nicht geschlossene Zahnpastatuben interpretiert er wortreich als notwendige Reibungspunkte eines sich selbst organisierenden Systems. Auf Fragen reagiert er meistens mit Gegenfragen. Es geht bergauf. Das Leben ist schön.

6. Akt

Der gewünschte Erfolg lässt auf sich warten. Wobei man der Ehrlichkeit halber hinzufügen muss, dass niemand mehr genau sagen kann, ob dem wirklich so ist oder nicht. Zwar gibt es eine spontan entstandene Community in Ihrem tribal squad, die sich mit diesem Thema befasst, die Ergebnisse sind aber nicht eindeutig. Die sich immer stärker durchsetzende Niedergeschlagenheit beantwortet der Boardabstauber mit der eindringlichen Bitte, man möge sich endlich einmal ordentlich intrinsisch motivieren.

Sie machen, nachdem Sie das Internet konsultiert haben, die Entdeckung, dass es unter Beratern keine Einigkeit gibt, wie die Probleme, die Sie so haben, zu lösen sind. Tribal squads und das Gummistiefelframework sind zwar beliebte Mittel der Wahl, anderen Beratern ist dieser Lösungsansatz aber zu konkret und viel zu wenig auf der Metaebene angesiedelt. Sie stellen fest, dass es eine sich turnusmäßig abwechselnde crème de la crème von Beratern gibt, die sich mit immer abstrakter werdenden Theoriegebilden gegenseitig das Wasser abgraben. Sie fragen sich außerdem, ob Ihre Probleme der schieren Strahlkraft all dieser geballten Problemlösungskompetenz überhaupt angemessen sind. Sie zögern: Dürfen Sie es wagen, eine dieser Koryphäen zu Rate zu ziehen und sie mit Ihren minderen Anliegen zu behelligen? Sie entscheiden sich dagegen. Die Scham wäre zu groß.

Sie kommen nach Hause, ziehen sich ihre Gummistiefel an und betreten den frisch ausgemalten Kreativraum mit Bällebad, um am nachmittäglichen Reflexionsgespräch Ihres tribal squads teilzunehmen. Am Boden liegt ein Zettel, geschrieben von Ihrer Frau. Der Botschaft beigefügt, dass sie Sie verlässt, ist eine Terminabsage für Ihr Familienmeeting.

03 Dez

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