Der Klebstoff, der alles zusammenhält

When a team outgrows individual performance and learns team confidence, excellence becomes a reality. (Joe Paterno)

Man setze sechs Leute in einen Raum, versorge sie mit ausreichend Post-its, einem Taskboard und einem gemeinsamen Ziel und - voilá - fertig ist das Scrum Team! Hoch performant, kreativ und innovativ, und liefert alle zwei Wochen ein potentiell auslieferbares Produkt Inkrement. Klingt einfach. Aber…

Natürlich wissen wir alle, dass es nicht ganz so einfach ist. Aber ist uns wirklich bewusst, wieviel “Arbeit” tatsächlich notwendig ist, um aus einem Haufen von Leuten ein Team zu formen? Wie Stephanie Borgert in ihrem letzten Post Haufen oder Team? schon feststellt, produziert die Zusammenstellung einer Gruppe von Leuten nicht automatisch Innovation oder höheren Output. Es fehlt die magische Zutat, der Klebstoff, der aus Individuen eine Einheit formt, die sich in Richtung höchste Performance bewegt.

Into the Wild

Ich reise gerne und liebe die Natur. Daher habe ich schon an einigen sogenannten “organisierten Reisen” teilgenommen, bei denen eine Gruppe von meistens zwölf, bunt zusammengewürfelten Leuten auf eine Camping- und Wanderreise in ein abgelegenes Gebiet auf diesem Planeten geschickt wird. Dabei habe ich herausgefunden, dass diese Touren eine ausgezeichnete Gelegenheit sind, um das Verhalten von Gruppen und die Entstehung eines Teams zu “studieren”.

Meistens gibt es auf diesen Reisen zwei oder drei Paare, die sich schon vorher kennen. Der Rest sind vollkommen Fremde mit unterschiedlichem Hintergrund und Erwartungen. Allerdings gibt es ein gemeinsames Ziel: das neue Land kennen zu lernen, die Natur zu genießen und Spaß zu haben. Man könnte sogar eine Vision definieren: “Wir haben den besten Urlaub unseres Lebens und jeder kommt wohlbehalten wieder zurück.”

Und natürlich gibt es noch den Reiseführer als eine Schlüsselperson. Stil und Einstellung des Guides haben einen immensen Einfluss auf den Erfolg der Reise. Er kann entweder versuchen, die Bedürfnisse aller Teilnehmer zu berücksichtigen und gegebenenfalls das Programm anzupassen, oder er sieht sich als Hüter des Plans und stellt sicher, dass niemand davon abweicht. Außerdem fungiert er als Coach, der Events organisiert und moderiert (wie zum Beispiel einen Ausflug zu einer Kultstätte oder den Abend am Lagerfeuer). Und schlussendlich muss er auch Konflikte schlichten, die nun mal auftreten, wenn eine Gruppe von Menschen, die sich nicht kennen, drei Wochen unter zeitweise herausfordernden Bedingungen gemeinsam verbringen (wenn es zum Beispiel tagelang schüttet oder man das Zelt mit jemandem teilen muss, den man vorher noch nie gesehen hat).

Storming and Forming

In den ersten Tagen versuchst man, seine Teamkollegen kennen zu lernen. Ihren Charakter, ihre Stärken und Schwächen: wer ist derjenige, der den anderen immer hilft, nachdem er sein Zelt schon aufgebaut hat, wer kommt immer zu spät und lässt die anderen warten. Welche sind die Gesprächigen, die einem schon am zweiten Tag ihre gesamte Lebensgeschichte erzählt haben, und neben wem kann man die Ruhe genießen. Manchmal gibt es Spannungen zwischen dir und der Berlinerin, weil du zufällig etwas gesagt hast, das sie als Beleidigung empfunden hat. Und du findest heraus, dass der Typ aus München sich auch für Fotografie interessiert und ein paar interessante Tipps geben kann.

Wer die Phasen der Teamentwicklung von Tuckman kennt, könnte diese ersten Tage mit den Storming und Norming Phasen vergleichen: die Mitglieder eines Teams begegnen einander das erste Mal, lernen sich gegenseitig kennen und erkennen die Herausforderungen, die gemeistert werden müssen. Die Teilnehmer bilden sich Meinungen über die Persönlichkeit und den Charakter der anderen und es entstehen Konflikte, die aufgelöst werden müssen.

Norming

In der zweiten Woche entwickeln sich normalerweise einige Routinen und gewisse Teammitglieder übernehmen spezielle Aufgaben. Du weißt nun, wer in der Früh immer der erste ist und sich schon mal um’s Feuer kümmert. Und derjenige, der das Solarpanel im Gepäck hat, ist für das Aufladen der leeren Kamera Akkus zuständig. Jemand ist der Meister des Lagerfeuers und der Jüngste im Team hat sich bereit erklärt, jeden Tag das Wasser vom Fluss zu holen.

Gemeinsam sind wir schon gescheitert und haben Erfolge gefeiert: beispielsweise als wir beim Bauen eines Regenunterstands alle klatschnass wurden, als der einstürzte, oder wenn wir erfolgreich unser kleines Schlauchboot zwischen den riesigen Eisbrocken des Gletschers durchmanövrierten, ohne dabei zerquetscht zu werden. Du fängst an, den anderen zu vertrauen. Ein Wir-Gefühl entwickelt sich und du bist fast so weit, dem Schnarcher zu verzeihen, der dich jede Nacht wach hält, weil er so stark und hilfsbereit ist und dich den steilen Hang raufzieht und schiebt, wenn du schon zu weit hinten bist. Selbstorganisation entwickelt sich beim Beladen der Boote morgens, um sich bereit für die Abfahrt zu machen - vorausgesetzt, der Tour Guide ist nicht von der Command-and-Control Sorte.

Performing

Am Ende der dritten Woche sind wir ein Team (natürlich gibt es Ausnahmen, wenn man besonders “schwierige” Persönlichkeiten in der Gruppe hat). Du kennst die anderen mittlerweile recht gut. Es gibt vielleicht kurze Diskussionen, wie heute Feuer gemacht wird oder wo die Zelte stehen sollen, aber normalerweise kommen wir schnell zu einer Einigung. Wir haben sogar herausgefunden, dass der notorische Zu-Spät-Kommer nur eine freundliche Extra-Erinnerung braucht, um pünktlich zu sein. Du magst nicht jeden in der Gruppe als Freund betrachten, aber du respektierst deine Kameraden und verlässt dich auf sie, denn du weißt, dass sie alle hart daran gearbeitet haben, um diesen Urlaub unvergesslich zu machen. Und wir können gemeinsam über die Abenteuer lachen, die wir überlebt haben: “Weißt Du noch, wie das Zelt unseres Guides fast weggeweht wurde, während er damit beschäftigt war, den Bären aus dem Camp zu vertreiben?”

Der Klebstoff, der hält

Natürlich sind drei Wochen eine sehr kurze Zeit, und Campen in der Natur ist weit weniger komplex als das Entwickeln von guter Software. Trotzdem zeigt dieses einfache Beispiel schon, dass mehr nötig ist als eine Gruppe von Leuten in einem Raum, um ein gutes Team zu formen. Teambuilding Events können Teil davon sein, allerdings braucht ein Team auch die Erfahrung des gemeinsamen Scheiterns und von Erfolgen in seiner täglichen Arbeit. Das Management kann hier unterstützen, indem Zeit und Gelegenheit eingeräumt werden, um aus Fehlern zu lernen, und indem es dem Team einen guten Scrum Master oder Coach zur Seite stellt, der es durch Konflikte führt und bei deren Auflösung unterstützt.

Man sollte dem Team den Raum geben, sich zu entwickeln, Zuversicht zeigen und das Beste erwarten. Aber das nicht zu früh, man muss geduldig sein. Und wir sollten nicht vergessen, dass jedes Team anders ist: die meisten werden in der Wildnis überleben, aber jedes Team wird seinen ganz eigenen Weg finden.

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