Der Krampus ist ein Change Agent

„The clown dissolves the structure“ (Edith Turner)

Während sich die halbe Welt in aller Ruhe (?) auf das Weihnachtsfest vorbereitet, hat man im Alpenraum eine recht eigenwillige Herangehensweise an diese Zeit entwickelt. Am 6. Dezember kommt der heilige Nikolaus, ein netter älterer Herr mit Rauschebart und Bischofshut, und bringt den braven Kindern Nüsse und Süßigkeiten. Den weniger braven Kindern bringt er selbst allerdings nichts, denn dafür hat er seinen finsteren Kompagnon im Schlepptau: Krampus. Wer mit diesem nicht vertraut ist, kann ihn sich als Dämon mit Hörnern vorstellen, der in Felle gekleidet und mit Glocken und Ketten behängt, Angst und Schrecken verbreitet. Und zwar nicht nur bei Kindern.

Um die ganze Angelegenheit noch weihnachtlicher zu gestalten, wird Kindern erzählt, dass er die wirklich üblen Halbwüchsigen in seinen Korb oder Sack steckt, um sie in die Unterwelt zu verschleppen. Bei schwarzer Pädagogik werden hierzulande also keine halben Sachen gemacht.

Das alles klingt zunächst natürlich einmal schrecklich – und das ist ja auch der Sinn der Sache. Hinter all der moralischen Schwarz/Weiß–Malerei wird aber gerne übersehen, dass es sich beim Krampus um einen ausgewachsenen Anarchisten handelt. Zwar gehört es durchaus zu seinen Aufgaben, dem heiligen Nikolaus, diesem alten Langweiler, als personifizierte Moralkeule zur Seite zu stehen. Gleichzeitig ist der Krampus aber nicht zu bändigen. Er pfeift auf gutes Benehmen und Anstand (und wahrscheinlich auch auf den Nikolaus). Hier wird nicht gemahnt, sondern gebrüllt und mit Ketten gerasselt und zugedroschen. Ja, er ist hier, um zu bestrafen! Aber nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Vergnügen. Der Krampus ist absolut unberechenbar. Er jagt Leute durch die Straßen und hat mit seiner Krampustruppe den größten Spaß daran, Lärm zu verbreiten und die Städte und Dörfer unsicher zu machen. Er ist die personifizierte Angst und Gewalt. Er sieht nicht nur aus wie ein Teufel, er ist auch einer. Während der Nikolaus als fader Opa durch die Lande zieht und für Ordnung und Moral steht, rüttelt die Krampus–Partycrowd an allem, was gut und heilig ist. Die Unordnung, die sie als gewalttätige Clowns des Schreckens verbreiten, ist die Kehrseite zur wohl geordneten Welt des Nikolaus.

Und genau das macht den Krampus so populär. Er symbolisiert das, was normalerweise unter der Oberfläche des Menschlichen dahin brodelt, aber doch nie ans Tageslicht kommen darf. Er ist das Wilde und Unzivilisierte an sich, ein notwendiges Ventil – und sei es auch nur stellvertretend für die große Mehrheit derer, die diese Seiten niemals sichtbar werden lassen können. Man kann ihm einiges nachsagen, aber nicht, dass er ein Langweiler ist. Der Krampus ist nicht nur furchterregend, sondern auch aufregend, und wird dadurch zur Stütze des Systems. Nicht weil er als rüpelhafter Bodyguard den Nikolaus begleitet und dessen Drecksarbeit übernimmt, sondern weil er es schafft, den destruktiven Elementen einer sozialen Gruppe (symbolisch) Ausdruck zu verleihen.

Betrachtet man den Nikolaus als die wohl geordnete, aseptische und immer freundliche Seite, die immer nur das Beste für alle möchte, stellt sich natürlich die Frage, was mit der anderen Seite geschehen soll - die zwar immer da ist sich aber meistens in irgendwelchen finsteren Ecken verkriecht. Und die selben Fragen stellen sich in jeder Organisation: wir können noch so viele codes of conduct erdenken, die chaotische, unzivilisierte und manchmal schreckliche Seite des Menschlichen lässt sich dadurch nicht in den Griff bekommen. Der Krampus in uns verspeist jede reißbretthafte Organisationsplanung zum Frühstück. Während der Nikolaus in Form von HR–Abteilungen und Managementmeetings die Welt ordnet, zündet der Krampus ganze Abteilungen an und tanzt Pogo auf den rauchenden Ruinen. C.G. Jung hätte diese Seiten des Menschen wohl als Schatten bezeichnet. Weil wir uns diese Seiten teilen, sind sie eine kollektive Erscheinung. Wer nicht mit ihnen rechnet und sie aktiv mit einbezieht, bekommt es irgendwann mit einem recht finsteren Inkassobüro zu tun.

Das systematische Ausschließen der anarchischen Seite des Menschseins schafft zwar vordergründig Ordnung, diese ist aber brüchig und anfällig für den zerstörerischen Effekt des Subversiven. Wohin das führen kann, lässt sich am Beispiel Google recht gut erkennen. Details dazu in diesem sehr ausführlichen Artikel von wired.com.

Um Ordnung zu wahren, braucht es die Dynamik des Chaos. Ken Schwaber, einer der beiden Gründungsväter von Scrum, hat das Arbeiten eines Teams am Rande des Chaos als elementare Voraussetzung für dessen Anpassungsfähigkeit beschrieben („The closer the development team operates to the edge of chaos, while still maintaining order, the more competitive and useful the resulting system will be.“). Und wissenschaftliche Erkenntnisse deuten darauf hin, dass unser Gehirn den Zustand der Kritikalität braucht (also den Grenzbereich zwischen Ordnung und Chaos), um optimal funktionieren zu können.

Vielleicht mögen wir den Krampus nicht und finden ihn moralisch verwerflich - was er ja auch ist. Es kann aber durchaus ratsam sein, ihm hie und da Gehör zu verschaffen, ehe er sich dazu genötigt sieht, auf sich aufmerksam zu machen. In Österreich haben wir sogar einen eigenen Serientermin dafür: den 5. Dezember.

Aber wir waren eh alle brav.

02 Jun

Wenn die Masken fallen ...

Von Andreas Wintersteiger, Brigitte Pfeifer-Schmöller

In den letzten Wochen waren wir alle stets an der Grenze zum Chaotischen. Experimentiert und gelernt! In der „neuen Normalität“ werden auch wir vieles hinter uns lassen, aber nicht alles!

03 Dez

Agilität: Psychische Herausforderungen durch Veränderung

Von Rhonda Staudner-Turin

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, was für mich durch meine Praxis als Arbeits- und Organisationspsychologin bereits klar war: um als Unternehmen erfolgreich agil zu sein ist ein strikter interner Paradigmenwechsel notwendig. Aber was ist damit gemeint?


Neueste Artikel

  • Wenn die Masken fallen ...

    Jun 02 / Andreas Wintersteiger, Brigitte Pfeifer-Schmöller

    In den letzten Wochen waren wir alle stets an der Grenze zum Chaotischen. Experimentiert und gelernt! In der „neuen Normalität“ werden auch wir vieles hinter uns lassen, aber nicht alles!

  • Der Krampus ist ein Change Agent

    Dez 04 / Christian Gusenleitner

    Während sich die halbe Welt in aller Ruhe (?) auf das Weihnachtsfest vorbereitet, hat man im Alpenraum eine recht eigenwillige Herangehensweise an diese Zeit entwickelt. Am 6. Dezember kommt der heilige Nikolaus, ein netter älterer Herr mit Rauschebart und Bischofshut, und bringt den braven Kindern Nüsse und Süßigkeiten. Den weniger braven Kindern bringt er selbst allerdings nichts,...

  • Agilität: Psychische ...

    Dez 03 / Rhonda Staudner-Turin

    Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, was für mich durch meine Praxis als Arbeits- und Organisationspsychologin bereits klar war: um als Unternehmen erfolgreich agil zu sein ist ein strikter interner Paradigmenwechsel notwendig. Aber was ist damit gemeint?

  • We are all mad here

    Nov 12 / Christian Gusenleitner

    "Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, — aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel." Friedrich Nietzsche