Dysfunktionen von Teams - 4

"In guten Teams ziehen Trainer die Spieler zur Rechenschaft, in großartigen Teams ziehen Spieler die Spieler zur Rechenschaft." -- Joe Dumars

Scheu vor Verantwortung ist die vierte Funktionsstörung unserer 5-teiligen Serie zu diesem Thema, unter der ein Scrum Team leiden kann. Im Rahmen der Teamarbeit, bezieht sich die hier diskutierte Verantwortlichkeit speziell auf die Bereitschaft der Teammitglieder, sich gegenseitig offen und ehrlich Rechenschaft abzulegen und kollegial auf Leistung oder Verhalten aufmerksam zu machen, die dem Team und seinen Zielen schaden könnten. Allerdings vereiteln sowohl der Wunsch nach Vermeidung zwischenmenschlicher Unannehmlichkeiten als auch die generelle Tendenz schwierige Gespräche zu meiden, dass sich die Teammitglieder untereinander offen und ehrlich Rechenschaft ablegen und gegenseitig zur Verantwortung ziehen. Der Grund dafür liegt in der mangelnden Bereitschaft, zwischenmenschliche Unannehmlichkeiten zu tolerieren.

Vermeiden von Verantwortung - Die vierte Funktionsstörung eines Teams

Diese Funktionsstörung basiert auf dem humanen und dennoch illusorischen Wunsch eine künstliche Harmonie aufrecht zu halten, die das Auftreten von produktiven, ideologischen Konflikt behindert. Ganzheitlich betrachtet, basiert der Wunsch, eine künstliche Harmonie aufrecht zu halten, wiederum auf der individuellen Angst des einzelnen, innerhalb einer Gruppe, die nicht offen und ehrlich mit ihren Erfolgen und Misserfolgen, sowie ihren Stärken und Schwächen umgeht, verletzlich zu sein. Wenn ein Mitglied eines nicht-funktionalen Teams potenzielle Probleme identifiziert und Leistung oder Verhalten seiner Kollegen hinterfragt, um sicher zu stellen, dass Kollegen einen leichten, gesunden Druck verspüren sich zu verbessern, würde es dazu kommen, dass er selbst zu befürchten hätte, dass (quasi als Retourkutsche) sein eigenes Verhalten demnächst in Frage gestellt werden würde. Dies ist ein häufig zu beobachtendes Verhalten innerhalb nicht-funktionaler Teams.

Auf lange Sicht führt dieses Fehlverhalten allerdings zu Ressentiments zwischen Teammitgliedern, wobei alle glauben auf unterschiedlichem Leistungsniveau zu arbeiten. Jeder verhält sich entsprechend, stellt sein eigenes Engagement über das Engagement seines Teams, unter der Annahme, selbst eine bessere Leistung zu erbringen, als andere, wobei gleichzeitig die eigenen Schwächen und Misserfolge geleugnet und vertuscht werden. Dieses Fehlverhalten führt in der Regel zur Mittelmäßigkeit und schlechter Leistung.

Echtes Verantwortungsbewusstsein (einer für alle, alle für einen) ist sehr wichtig, weil es die Beziehungen zwischen den Teammitgliedern aufbaut und stärkt und ein (Scrum-)Team dadurch wirklich leistungsstarke und erfolgreich macht. Echtes Verantwortungsbewusstsein basiert auf kollektivem Vertrauen und schafft kollektives Vertrauen. Setzt ein Team auf kollektives Vertrauen, konstruktivem Konflikt und persönliches Engagement jedes einzelnen, ermöglicht das den Teammitglieder untereinander hohe Erwartungen zu haben, und lässt sie eher bereit sein, sich gegenseitig zur Verantwortung zu ziehen, sobald jemand nicht auf dem erwarteten Niveau agiert. In diesem Zusammenhang geht es nicht darum, dass die Verantwortung allein von Führungskräften ausgeübt wird, die ihre Untergebenen zur Rechenschaft ziehen. Vielmehr geht es darum, das Umfeld einer gesunden Organisation zu schaffen, in der sich alle Kollegen, über alle Teams und Positionen hinweg, gegenseitig daran erinnern, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, wann immer es notwendig ist.

Überwinden Sie die Vermeidung von Verantwortung

Ein guter Weg, um es den Teammitgliedern einfacher zu machen, sich fortlaufend und gegenseitig in die kollektive Pflicht zu nehmen, ist, offen und transparent zu klären, was das Team erreichen will (gemeinsame Ziele), was jeder dazu beitragen muss (Erwartungen) und wie sich jeder verhalten muss (Regeln), um gemeinsam erfolgreich zu sein. Lencioni schlägt vor, dass sich jedes Team eine Liste von Standards und Zielen definiert und transparent im Teamraum aufhängt, damit sich jedes Mitglied diese auf die Brust heftet, den gemeinsamen Fortschritt regelmäßig anschaut und weitere Schritte plant und das Team als Ganzes für seine Erfolge belohnt wird (keine individuellen Boni). Gleich von Beginn an sind insbesondere die agilen Werte und Prinzipien, sowie die Werte und Regeln von Scrum, jene grundlegenden Normen, die laufend explizit gemacht werden sollten.

Die Teammitglieder sollten regelmäßig miteinander darüber reden, wie sie sich fühlen, wenn andere Kollegen gegen die vereinbarten Ziele und Standards verstoßen. Mit Scrum haben wir ein eigenes Meeting dafür: die Sprint-Retrospektive. Natürlich, das Prinzip der kollektiven Verantwortung sollte nicht nur in der Sprint-Retrospektive gelebt werden, sondern jeden Tag, zu jeder Zeit. Es muss jedem Teammitglied klar sein, dass Verantwortung nicht zum Konsens degradiert wurde oder dazu degradiert werden kann, sondern lediglich zu kollektiv geteilten Verantwortung wird. Die Rolle der Führungskraft (Scrum Master) ist, das Team regelmäßig mit schwierigen Themen zu konfrontieren, die gelöst werden müssen.

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